Gleich fünf Arbeiten waren in der Diskussion um einen Grand Prix, darunter auch "Bride Armour" von Ogilvy in Südamerika (Kunde: ABINBEV), eine "unfassbar bewegende Arbeit", wie Susanne Grundmann sagt. Der Insight für die Kampagne: Gewalt an Frauen geht oft von betrunkenen Männern aus. Ergo schufen Agentur und Kunde ein besonderes Brautkleid, das vor tätlichen Angriffen schützt, und schickten es auf den Laufsteg. Dennoch fiel das Votum klar für "Hope Reef" aus. Wohl auch, weil der Case, wie der Name schon sagt, Hoffnung macht und eine "positive, zukunftsgerichtete Botschaft" enthält - anders als ein Case wie "Bride Armour". Cannes will eben Mut machen.

Was die Arbeit von AMV BBDO in London ausmacht: Sie ist nicht nur kreativ, sondern treibt die Marke und ist maximal authentisch, so Grundmann. Auftraggeber Sheba (Mars Petcare) startete vor gut zwei Jahren ein Programm zur Rettung sterbender Korallriffe. Mit Hilfe von sternförmigen, sandbeschichteten Stahlkonstruktionen – den Riffsternen – ist ein Fundament auf dem Meeresboden entstanden, auf dem sich die Korallen niederlassen und neue Kolonien bilden. Allein 840 Riffsterne und 13000 Korallenfragmente wurden verwendet, um den Schriftzug "Hope" zu bilden. Er ist via Google Maps sichtbar. Jeder Konsument, der ein entsprechendes Promotionvideo anklickt, unterstützt das Programm mit einer Spende. Gleichzeitig verzichtete Sheba eine Zeitlang auf Produkte mit Seefisch. Denn mit dem Korallensterben schwinden auch die Fischbestände.

Grundmanns Empfehlung: "Ich würde mir von den deutschen Agenturen künftig wünschen, dass sie es richtig machen, ihre Themen ernsthaft verfolgen und damit glaubwürdiger werden."

Nur Ketchup zieht bei Direct

Eines stellte Jury-President Fred Levron klar: Alle prämierten Direct-Arbeiten können mit überzeugenden Ergebnissen aufwarten, so der Global CCO Dentsu International. Aber den Ausschlag gab am Ende des Tages die Idee. Und die kann einfach sein, muss nicht in eine komplizierte Mechanik eingebettet sein. Das trifft auch für den einzigen deutschen Löwen-Case zu: "Ketchup To The Rescue" von Ogilvy (Auftraggeber: Curtice Brothers).

Aber noch mehr für den Grand Prix-Gewinner bei diesem Wettbewerb: "Less Talk, More Bitcoin". Der Spot (Agentur: Accenture Song, NY) der Online-Börse für Kryptowährungen Coinbase wurde beim diesjährigen Super Bowl ausgestrahlt und hatte eine gigantische Wirkung. Der Film bestand aus einem bunten QR-Code, der 60 Sekunden lang über den Bildschirm flimmerte. Wer ihn abscannte, kam zur Website, auf der sich neue Kunden anmelden konnten und erhielt 15 Dollar in kostenlosen Bitcoin. Die Resonanz: Mehr als eine halbe Million Menschen fühlten sich angesprochen und nutzten das Angebot. Die Nachfrage war so groß, dass der Server der Firma eine Zeitlang kollabierte. Ein Spot, genial einfach und enorm wirkungsvoll und dazu noch ungemein günstig in der Herstellung. Jurychef Levron sprach von dem billigsten Spot in der Geschichte der Super Bowls, der zudem von 110 Millionen TV-Zuschauern gesehen wurde.

Premiere für Creative B2B

Erstmals wurden in Cannes die kreativsten B2B-Kampagnen ausgezeichnet. Und glaubt man den Worten von Jury-Präsident Paul Hirsch (CCO Doremus), so war die Premiere ein Erfolg - sowohl angesichts der Quantität wie der Qualität der Einreichungen. Vier Cases hätten einen Grand Prix verdient, aber am Ende war das Votum klar für "Speaking in Color". Der Farbenhersteller Sherwin-Williams hat gemeinsam mit Wunderman Thompson, Minneappols, ein AI-gestütztes, sprachgsteuertes Tool entwickelt, das in der Lage ist, gesprochene Worte in Farbkompositionen zu übersetzen. So reagiert es auf Aufforderungen wie "bitte mehr retro" oder "etwas mehr Wärme". Darüber hinaus ist das Tool in der Lage, Beschreibungen wie "New York Sunset" in Farben zu transferieren. Mit Hilfe von Usern soll nun eine der weltweit größten Farbensammlungen entstehen. Das Tool ist ausschließlich für Architekten gedacht.

Und hier der Medaillenspiegel für Donnerstag


Peter Hammer
Autor: Peter Hammer

begleitet seit vielen Jahren redaktionell die Agentur-Branche, für die W&V wie auch früher für den Kontakter. Als Ressortleiter wie Redaktionsleiter. Liebt gute Kreation, aber mehr noch interessante und innovative Geschäftsmodelle. Unabhängig von Kanal und Größe. Was ihn immer wieder überrascht: Wie viele spannende Menschen es in der Branche gibt.